Nepal – Leben mit dem Coronavirus

4. September 2020 at 18:25

Eine Reflektion der letzten sechs Monate mit abschließenden Gedanken zum aktuellen Zeitgeist und als Ausblick auf zukünftiges Reisen

 

Aktuelles

Heute ist der 3. September 2020, der 15. Tag des zweiten Lockdowns im Kathmandu-Tal. Der ursprünglich einwöchige Lockdown beziehungsweise die Verbotsanordnung “prohibitory order“ der Verwaltungsbehörden von Kathmandu, Patan und Bhaktapur wurde am 18. August 2020 aufgrund des stetigen Anstiegs der Infektionszahlen im Kathmandu-Tal ausgesprochen und trat am 20. August 2020 in Kraft. Schon letzte Woche wurde die Anordnung um eine weitere Woche verlängert. Gestern Abend nun die Entscheidung einer erneuten Verlängerung bis 9. September 2020.

Nach fünfmonatiger Schließung ist der Internationale Flughafen seit dem 1. September 2020 wieder für den kommerziellen Flugverkehr geöffnet. Inlandsflüge und Überlandfahrten sind momentan noch bis zum 15. September 2020 untersagt.

Der Flugplan für September führt neben zwei nepalischen Fluglinien, neun ausländische Fluggesellschaften, die Kathmandu einmal die Woche anfliegen dürfen, auf. Als Rückholflüge werden nun neben den Charterflügen auch kommerzielle Flüge eingesetzt um die als Gastarbeiter im Ausland lebenden und nun durch die Corona-Krise dort gestrandeten nepalischen Staatsangehörigen zurückzuholen. Diplomaten und Mitarbeiter anderer internationaler Organisationen ist die Einreise nach Nepal gestattet. Touristen dürfen bis auf weiteres erstmal nicht einreisen. Die Ausstellung von Visa bei Ankunft ist ausgesetzt.

Personen, die derzeit die Erlaubnis haben einzureisen, müssen einen negativen PCR-Test, der nicht älter als 72 Stunden ist, vorlegen und sich dann in eine siebentägige Hotel-Quarantäne bzw. in eine 14-tägige Selbstisolation begeben. Ferner ist die Registrierung beim Covid Crisis Management Center und das Ausfüllen eines speziellen Einreise-Formulars notwendig.  Pro Tag war die Zahl der Einreisenden zunächst auf 500 Personen beschränkt, diese ist später auf 800 erhöht worden.

Die Kathmandu Post titelte gestern „Ohne klaren Plan der Regierung, könnte Nepal für Touristen bis Ende 2020 geschlossen bleiben“.

Gleichzeitig kommt die Presse-Meldung, dass die Regierung trotz der durch die Corona-Pandemie geltenden touristischen Restriktionen der königlichen Expedition des Prinzen von Bahrain die Genehmigung für zwei Bergbesteigungen beginnend Mitte September 2020, erteilen wird.

Ich fühle mich im Moment wie eine Kugel in einem Flipperautomat. Der Spieler drückt den Knopf und ich schnelle hoch, berühre Hindernisse und rolle in einer Zickzack-Bahn langsam zurück Richtung Spieler. Im selben Moment werde ich wieder hochgeschossen und das Spiel beginnt von neuem.

Schon damals nach dem Erdbeben im Jahr 2015 habe ich in einem Newsletter geschrieben, dass organisierte Prozesse und vorausschauende Planungen, die eine schnelle Handlungsfähigkeit möglich machen, in Nepal nicht vorhanden sind.

Mit spontanen Entscheidungen und Maßnahmen im Tourismusbereich mussten wir und andere Reiseunternehmen schon immer umgehen. Im Sinne von „Vogel friss oder stirb“ werden von heute auf morgen sofortige Erhöhungen von Eintrittsgebühren, Nationalparkgebühren oder Gebühren für Permits in eingeschränkte Trekking-Gebiete entschieden und implementiert.

Diese Zeit, in der wir uns gerade weltweit befinden, ist aber anders und nicht mit der nach dem Erdbeben zu vergleichen. Diese Zeit ist noch härter und die Auswirkungen viel weitreichender.

Selbst strukturierte und vorausplanende Regierungen tun sich mit den teils plötzlich, teils auf längere Sicht notwendigen Veränderungen, Anpassungen und Richtungswechsel schwer. Die sonst hier in Nepal meistens zum Erfolg führende Flexibilität, Kreativität und Improvisation helfen momentan nicht weiter. Ein Gefühl der Ohnmacht und der Perspektivlosigkeit hat sich breitgemacht.

 

Kathmandu – Hauptstadt Nepals

 

Strategielose Ad-hoc-Entscheidungen der letzten Monate

Derzeit steigen die Infektionszahlen in Nepal, vor allem im Kathmandu-Tal, stetig weiter an. Auch wenn viele Menschen keine Symptome zeigen, machen die täglich vermeldeten Rekordzahlen, ein schlechtes Gefühl.

Der Ausruf der ersten Ausgangssperre am 24. März 2020 erfolgte als das Land zwei Corona-Fälle inklusive eines Genesenen, zählte. Dieser landesweite strikte Lockdown, der alles bis auf die systemrelevanten Bereiche lahmlegte, wurde in dem Zeitraum bis zum 14. Juni 2020 insgesamt sieben Mal verlängert.

Eine Strategie für eine langsame Öffnung, weitere Maßnahmen im Hinblick auf die Pandemie und das fragile Gesundheitssystem oder verbindliche Entscheidungen über staatliche Unterstützung des Einzelhandels, der Wirtschaft und des Tourismus wurden seitens der Regierung in dieser Zeit nicht kommuniziert.

Nachdem sich der Druck auf die Staatsoberhäupter durch die Einzelhändler, den öffentlichen Nahverkehr, die Tourismusindustrie und andere Unternehmenszweige erhöhte, wurden Lockerungen unter Einhaltung von Sicherheits- und Hygienevorschriften sowie Tragen eines Mund- und Nasenschutzes ab dem 15. Juni 2020 eingeführt. Die Wiederaufnahme von kommerziellen internationalen und nationalen Flügen wurde mehrfach nach hinten verschoben.

 

Geschäfte sind nach 4 Monaten wieder offen

 

Die komplette Aufhebung der Ausgangssperre am 21. Juli 2020 kam plötzlich und völlig unerwartet. Hotels und Restaurants durften unter Hygiene- und Sicherheitsmaßnahmen am 30. Juli 2020 wieder öffnen. Ab diesem Zeitpunkt waren auch Trekkingtouren und Bergbesteigungen unter Beachtung von Schutzkonzepten erneut erlaubt. Es erfolgte ein Aufruf an die Tourismus-Industrie Buchungen für den Herbst entgegenzunehmen. Offiziell nicht bekanntgegebene Einreise- und Quarantänebestimmungen für Touristen führten zu Spekulationen und machten es letztlich unmöglich bestehende Herbst-Buchungen aufrechtzuerhalten.

In der Presse monierten Virologen und andere Gesundheitsspezialisten immer häufiger, dass sie als Experten von der Regierung nicht gehört werden und der Zeitgewinn des viermonatigen Stillstands nicht genutzt wurde.  Die Schaffung von wirksamen Kontaktnachverfolgungen zur Unterbrechung der Infektionsketten sowie von Isoliermöglichkeiten für positiv getestete Personen und die Aufstockung der PPE-Schutzkleidung für Ärzte, Krankenschwestern und Krankenhauspersonal konnte in der gewonnenen Zeit nicht erfolgen.

Aufgrund des exponentiellen Anstiegs der Infektionsfälle und der nicht vorhandenen Isolationsmöglichkeiten in den Krankenhäusern, berichten lokale Zeitungen immer wieder davon, dass Personen ohne Symptome zur Selbstisolation nach Hause geschickt werden. Problematisch wird es dann, wenn die engen Wohnverhältnisse in Mehrfamilien-Häusern eine Absonderung unmöglich machen. In diesen Fällen muss eine Unterbringung in Isolations-Zentren erfolgen. Von einem Neubau mit 6000 Betten war Anfang August die Rede. Bis heute gibt es dazu keine weiteren Pläne oder Aussagen.

Die Einwanderungsbehörde inklusive Visastelle ist seit dem 10. August 2020 in Kathmandu geschlossen. Nachdem die Regierung die Entscheidungsgewalt im Hinblick auf Ausgangssperren an die lokalen Verwaltungseinheiten abgegeben hat, haben immer mehr Distrikte und größere Städte die Anordnung „zu Hause zu bleiben“ ausgesprochen.

Auch jetzt scheint es so, als ob die, durch die „Massenquarantäne“ neu gewonnene Zeit ungenutzt verstreicht und die Infektionszahlen trotzdem stetig wachsen.

 

Covid-19 Stigma & andere Ängste

Und nicht nur die Infektionszahlen wachsen stetig, auch die Bedrohung durch die Covid-19 – Erkrankung in der Bevölkerung nimmt laufend zu.

Eine mangelnde Informationspolitik, wenig Präsenz der Regierung in direkten Ansprachen und Falschnachrichten führten mitunter dazu, das Covid-19-Stigma entstehen zu lassen.

Nicht nur positiv getestet Personen und genesene Patienten, auch Ärzte, Krankenschwestern und andere Gesundheitsarbeiter, die sich an vorderster Front für das Leben anderer und das Allgemeinwohl einsetzen sind dieser Stigmatisierung ausgeliefert. Mit Beiträgen in verschiedenen sozialen Medien machen sie auf die Situation aufmerksam, rufen zur Unterlassung und zum Nachdenken auf.

Die im Falle eines milden oder schweren Verlaufs von Covid-19 aufzubringenden hohen Krankenhauskosten, schüren bei den Menschen weitere Ängste. Eine Krankenversicherung, die Arzt- und Krankenhauskosten übernimmt, hat hier niemand. Ohne die Unterstützung der Familie oder der Dorfgemeinschaft ist die Bezahlung ärztlicher Behandlungen nicht zu bewältigen.

Die Verdienstausfälle bei den vielen Tagelöhner sind existenzbedrohend. Grundbedürfnisse können nicht mehr befriedigt werden und ein Verhungern ist wahrscheinlicher als eine Ansteckung mit dem Coronavirus.

Immer mehr Ladenlokale stehen leer. Wohnungen und Häuser in verschiedenen Stadtteilen Kathmandus haben „Zu vermieten“ Schilder in den Fenstern hängen.  Für viele sind die Mieten aufgrund fehlender Einkünfte unbezahlbar geworden.

 

Die Schwachen im System

Aber nicht nur Tagelöhner und Geringverdiener sind die Schwachen im System. Auch Kranke, Kinder, Schüler, rückkehrende Gastarbeiter, Kleingewerbetreibende, Menschen, die in abgelegenen Gebieten wie Dolpo leben und viele mehr fallen darunter.

Um die Verbreitung des Coronavirus einzudämmen wurde am 19. März 2020 die Schließung von Schulen, Universitäten und sonstige Bildungseinrichtungen angeordnet. Kinder, Schüler und Studenten sind deshalb in ihre Dörfer zurückgekehrt. Eine Wiederaufnahme des Schulbetriebs ist nicht absehbar. Online-Unterricht und Schulstunden im Fernsehen und Radio werden zwar angeboten, aber teilnehmen können nur die, die über entsprechende Geräte verfügen.  Die fehlende Ausstattung führt zum Ausschluss am Fernunterricht. In kinderreichen Familien werden wieder vermehrt junge Mädchen verheiratet, um einen Esser weniger zu haben. An einen fortführenden Schulbesuch wird dabei nicht gedacht.

Der aktuelle Bericht des UN-Kinderhilfswerk Unicef berichtet davon, dass weltweit ein Drittel der Schulkinder, mindestens 463 Millionen Kinder, nicht an einem Fernunterricht teilnehmen können. Unicef-Chefin Henrietta Fore sprach von einem globalen Bildungsnotfall, dessen Auswirkungen noch jahrzehntelang in Gesellschaft und Wirtschaft spürbar sein wird.

Die im Ausland gestrandeten nepalischen Gastarbeiter trifft es besonders hart. Sie befinden sich in prekären Situationen und haben große Probleme die Kosten für den ersehnten Heimflug nach Nepal aufzubringen. Die in den jeweiligen Ländern im Zusammenhang mit der Ausbreitung des Coronavirus verhängte Ausgangssperren führten zu abgelaufenen Aufenthaltsgenehmigungen und Arbeitsverlust. Monatelang leben die Gastarbeiter unter unmenschlichen Bedingungen und ohne jegliches Einkommen zusammengepfercht in Baracken. Die meisten kratzen das letzte Geld zusammen oder verschulden sich erneut um an den von der Regierung organisierten Rückholaktionen teilnehmen und zurückkehren zu können.

Gestern wurde in der Zeitung über die zur Neige gehenden Reisvorräte im abgelegenen Dolpo-Gebiet berichtet. Aufgrund der coronabedingten Restriktionen ist ein Transport mit Nachschub derzeit nicht möglich. Die Menschen können im Hochland nur Kartoffeln, Weizen und Gerste anbauen.

Bauern bleiben auf ihren Milchvorräten sitzen, da Käsereien und Molkereien  ihre Produkte nicht mehr in die Städte liefern und dort verkaufen können.

Hungrige Tagelöhner, ihre Familien und sonstige Bedürftige werden von verschiedenen lokalen Organisationen und freiwilligen Helfern mit täglich frisch gekochten warmen Mahlzeiten versorgt. Dafür sammeln sie sich unter Einhaltung der Mindestabstände auf großen Freiflächen, beispielsweise in Tundikhel Kathmandu, und warten ab 16 Uhr auf die Essensausgabe.

 

Träger ohne Arbeit


Eine Zeit, die Missstände ans Licht bringt

Es scheint, als ob diese Zeit die weltweit in Regierungen und Gesellschaften bestehende Missstände sichtbar macht und an Regeln, Normen, Gesetzen und Ordnungen kräftig rüttelt.

Nicht nur in Nepal finden Demonstrationen für Gleichheit und gegen Diskriminierungen der Dalit-Ethnien statt. Auch in USA und anderen Ländern wird über regelmäßige Black-lives-matter-Bewegungen berichtet.

Moderne Sklaverei, unmenschliche Arbeitsbedingungen, Not, Elend, Korruption und weitere Unrechtmäßigkeiten drängen sich ins Licht und fordern ein Hinterfragen bisheriger Systeme, Sicherheitsnetze und gesetzlicher Bestimmungen.

Wir sind alle ein Teil des großen Ganzen und ein Wegschauen ist fast nicht mehr möglich.  Auch wenn es dem westlichen Egoismus noch sehr schwer fällt sich aus seiner Komfortzone zu bewegen, ein bevorstehender Wandel hin zu mehr Menschlichkeit, Gerechtigkeit und einem verantwortungsbewussten Umgang mit den Ressourcen unseres Planeten scheint unumgänglich.

 

Gedanken zu zukünftigem Reisen, Tourismus & Sicherheit in Corona-Zeiten

Das Motto „Träume jetzt – Reise später“ wird wohl für viele Länder – auch für Nepal – noch über die nächsten Monate hinaus gelten.

Das Leben mit dem Virus ist bereits jetzt Realität und wie sich die Situation weltweit nach der Verfügbarkeit eines Impfstoffs gestalten wird, bleibt abzuwarten.

Wir stellen uns hierbei die Fragen: Wie wird Reisen in Zukunft aussehen? Worauf sollte der Fokus gesetzt werden? Wie können wir dazu beitragen, dass sich unsere Gäste sicher und wohl fühlen?

Verantwortungsbewusstes und langsames Reisen im Einklang mit den Menschen und mit der Natur, in denen ökologische, soziale, wirtschaftliche und kulturelle Aspekte in den Fokus gerückt werden, wird zukünftig sicherlich immer mehr zunehmen.

Es wird nicht mehr nur um das eigene Vergnügen und Wohlbefinden gehen, sondern auch darum etwas vom leckeren Kuchen an andere abzugeben.

Lokale Reiseveranstalter, die sich für fairen Tourismus, Nachhaltigkeit und soziale Verantwortung den Mitarbeitern gegenüber einsetzen, können in einem Ernstfall schnell und individuell reagieren und tragen zu einem kulturellen Austausch bei.

Durch die Übernahme sozialer Verantwortung und einem ressourcenschonenden Verhalten des Reisenden wird eine Reise zum Mehrwert für alle Beteiligten.  Der direkte Kontakt und Dialog zwischen Menschen verschiedener Kulturen ist ein kostbarer Schatz. Dieser kann zu großer Dankbarkeit und achtsamen Verhaltensweisen beitragen.

Nachhaltigkeit und Umweltschutz ist auch bei Langstreckenflügen möglich, nämlich dann, wenn die unvermeidlichen Treibhausgase durch eine finanzielle Unterstützung von Klimaschutzprojekten kompensiert werden. Anbieter für Kompensationen sind beispielsweise atomsfair.de, myclimate.org oder primaklima.org.

 

Himalayakette beim Landeanflug auf Kathmandu

 

Zukunftsträchtig und viel versprechend ist auch die Zulassung des ersten Elektro-Flugzeugs durch die europäische Luftfahrtbehörde und der erst kürzlich durchgeführte Weltrekordflug von den Alpen an die Nordsee. Im Moment noch ein großes Abenteuer mit mehreren Zwischenlandungen zum Auftanken. Aber sicherlich werden weitere Entwicklungen eine klimafreundliche, leise und hocheffiziente elektrische Flug-Mobilität in der Zukunft möglich machen.

Damit wir in diesen Zeiten zu einer gelingenden und vor allem sicheren Reise beitragen können, werden wir, angelehnt an die vom Tourismusverband Nepal veröffentlichten Hygiene- und Sicherheitsvorschriften, in Kürze unser eigenes Corona Schutz- und Sicherheitskonzept mit entsprechenden Empfehlungen entwerfen. Wann dann der Zeitpunkt der Umsetzung und Anwendung kommt, ist von vielen verschiedenen Voraussetzungen abhängig und bleibt derzeit noch abzuwarten. Zuversichtlich fassen wir mal die Frühjahrs-Saison im nächsten Jahr 2021 ins Auge.

Dennoch – die Weisheit „Nichts ist beständiger als der Wandel“ ist heutzutage mehr denn je zutreffend. So werden sich sicherlich auch Fernreisen verändern und wandeln. Aber Menschen mit Fernweh, Abenteuerlust und Entdeckergeist wird es immer geben.

 

Gebetsfahnen in Kalinchowk

 

Ausgestorbenes Touristenviertel Thamel in Kathmandu

11. Mai 2020 at 11:44

Endlich konnten wir gestern erfolgreich den Besuch bei der Bank abschließen. Sämtliche Banken – Hauptniederlassungen und Filialen – sind nun wieder täglich von 10 – 13 Uhr  und mit 1/3 Besetzung der Angestellten geöffnet. Die Sicherheitsbeamten achten darauf, dass die Kunden den erforderlichen Mindestabstand zueinander einhalten. Die Angestellten tragen Masken und Handschuhe.

Über die Notwendigkeit und den Sinn des Maskentragens sind sich ja nicht alle einig. Wenn ich die Maske lange trage, bekomme ich Kopfschmerzen. Die Haltebänder verursachen unangenehme Schmerzen hinter den Ohren. Meine Brille ist ständig beschlagen. Ist das im Sinne der Gesundheit? Wenn Maskenpflicht wirklich zur neuen Normalität werden sollte, dann bleibe ich doch lieber zu Hause. Und Lippenstift kann ich  auch keinen mehr tragen. ;-)) Ich wollte mich für den Bankbesuch so richtig schön machen. Es ist ja mittlerweile zu einem richtigen Event geworden, wenn das Haus verlassen werden kann. Also raus aus den bequemen Jogging-Klamotten, rein in die feine Jeans, bisschen Make-up und zum Schluss ein wenig Lippenstift. Ach nein, das geht ja nicht mehr…. die Maske verwischt und verdeckt ja alles.  Das ist ja nur eine kleine Sorge, und sollte eigentlich ein Spass sein, im Vergleich zu all dem Leid und den Schwierigkeiten, die das Land, die Wirtschaft und vor allem den Tourismus erwarten.

Nochmals richtig bewusst wurde uns dies als wir gestern nach dem Bankbesuch die Gelegenheit wahrnahmen um durch das Touristenviertel Thamel zu laufen. Erschreckend, schockierend, traurig… gespenstische Leere und Stille überall, alle Shops, Restaurants, Supermärkte, Hotels mit Rollläden verbarrikadiert und geschlossen. Ein Stadtteil komplett ausgestorben –  einfach tot – nichts.

Bevor wir Euch an diesen bitteren Eindrücken teilhaben lassen, möchten wir auf unsere Zusammenfassung „Nepal und der Tourismus in Corona Zeiten vom 9. Mai 2020“ hinweisen. Die Pdf-Datei kann unter dem Link  Nepal und Tourismus in Corona Zeiten_ Zusammenfassung TNT_09052020  abgerufen werden.

NAMASTE!

 

Wie im falschen Film…. der bemalte Yeti kündigt VISIT NEPAL 2020 an

 

Verschlossener Eingang zum Garden of Dreams

 

Tridevi Marg – Eingang zum Touristenviertel

 

Gespenstische Leere & Stille

 

Geschlossene Mandala-Street

 

Ausgestorbene Straßen in Thamel

 

Nichts ….

Rabi Thapa: THAMEL – Dark Star of Kathmandu

25. Juli 2019 at 17:36

REZENSION:
Rabi Thapa, Thamel – Dark Star of Kathmandu, New Delhi, Indien, Speaking Tiger Publishing Pvt. Ltd., 2016, 174 Seiten, 12 ABB, Preis: 700 NPR, ISBN: 978-93-85755.88-0

 

“Thamel – Dark Star of Kathmandu“ ist ein geschichtliches und jetztzeitiges Portrait eines Stadtteils von Rabi Thapa und ist im Jahr 2016 im Speaking Tiger Verlag, Indien, in englischer Sprache erschienen. Rabi Thapa ist ein nepalisch-englischer Autor und Herausgeber der Zeitschrift “Lal.it“. “Nothing to declare“ ist der Buchtitel seines weiteren im Jahr 2011 publizierten Werkes, einer Sammlung von Kurzgeschichten über Nepal. Thapa hat an der Universität von Cambridge in England und an der Monash Universität in Melbourne, Australien, studiert.

Rabi Thapa beschreibt in seinem Buch die Entstehung von Thamel, dem heutigen Touristenzentrum in Kathmandu, und lässt dabei die geschichtlichen Aspekte Nepals und Einblicke in die Kultur und Traditionen der einstigen Bewohner, den Newars, nicht zu kurz kommen. Die dreizehn Kapitel sind ein Streifzug durch verschiedenen Ecken eines bunten Viertels in einer gewachsenen Metropole, gemischt mit Kurzgeschichten von sechs nepalischen Bewohnern. Ein Musiker, ein neunzigjähriger Ex-Polizist, ein Trekkingagentur-Chef, ein Ex-Junkie, eine Nachtklub-Angestellte und eine Friseurin erzählen über ihr Leben und ihre Beziehungen zu diesem außergewöhnlichen Ortsteil.

Der Autor begibt sich selbst auf eine Tour und besucht verschiedene Plätze in Thamel. Hierbei stellt er sich die Frage, was diesem Stadtteil die Identität gibt und was dieses Viertel ausmacht. Vor langer Zeit war Thamel ein spärlich besiedelter Ort mit Reisfeldern und wenigen Backsteinhäusern. Selbst das Heulen der Wölfe konnten die ursprünglichen Bewohner, die zu der ethnischen Volksgruppe der Newari zählen, hören.

Thapa beginnt mit dem Platz bzw. Tempel in Thabahil. Bikramashil Mahavihar, auch Bhagwan Bahal genannt war früher das spirituelle Herz des Quartiers. Das im 11. Jahrhundert gegründete buddhistische Studienzentrum in der Amrit Marg im Norden des heutigen Thamels beherbergte einst über 5000 Mönche.

Der Schriftsteller setzt seinen Streifzug fort und berichtet von seiner Begegnung mit den klebstoffschnüffelnden, in dreckige Lumpen gekleideten Straßenkindern von Kathmandu. Kinder im Alter zwischen 10 und 16 Jahren, die Gewalt und Missbrauch entflohen sind und sich kaum mehr in die Gesellschaft eingliedern lassen. Ihr Zuhause sind die Straßen von Thamel. Rabi Thapa vergleicht in diesem Zusammenhang die andersartige Kindheit der lebenden Göttin Kumari und verzichtet nicht zu erwähnen, dass die Straßenkinder vereinzelte Opfer von Pädophilen und Sexualtätern sind.

Thapa lässt bei seiner Runde die Nennung der berühmt berüchtigten Freak Street, in der die Hippies von 1960 bis 1970 wohnten, nicht aus. Er beschreibt, den langsamen Weg des Tourismus, der im Jahre 1951 begann und auch dem Ausländer-Bann, der während der Rana Dynastie herrschte, ein Ende setzte. Es wird berichtet, dass König Birendra mit Einführung der Visapflicht und dem Verbot von Haschisch den Weg zum Abendteuer-Tourismus und zu den “Touristen mit Dollars in den Taschen“ ebnete.

Während seines Rundgangs spricht der Autor mit Rajan Sakya, dem Sohn von Karna Sakya, Mitbegründer des Kathmandu Guest House. Neben dem Royal Hotel und der Freak Street bildet das mitten in Thamel stehende Hotel den Anfang der Tourismusindustrie in Nepal. Mit der Gründung des Tourismus-Ministeriums und Öffnung der Annapurna Runde beschreibt Thapa den in den 1980er Jahren einsetzenden Touristenboom, in dem neue Hotels, Restaurants und Bars entstanden sind und die geschäftstüchtigen Manangis aus dem Annapurna Gebiet kräftig in das wachsende Touristencentrum in Kathmandu investierten.

Rabi Thapa geht auf die Veränderung von Thamel, das einst den Newars gehörte und danach von den Ranas und Shahs übernommen wurde, ein. Seine detaillierte Beschreibung der newarischen Kultur bietet Einblicke in die Kastenidentität, die Riten und die soziale Verantwortung dieser Ethnie. Durch das reproduzierte Gespräch mit einem Transvestiten, der Darstellung des Sexbusiness, der angeblichen Massagecenter sowie der nepalischen Gang-Kultur, gewährt der Autor einen zusätzlichen Blick auf die Schattenseiten des Stadtteils.

Darüber hinaus lässt der Autor in seinem Buch den Brand des legendären Buchladens Pilgrims Bookstore, der intellektuellen Seele von Thamel, nicht aus. Ein großes Einkaufszentrum steht nun auf diesem Platz und zeugt neben dem neuen Pilgrims Bookstore, den anderen Buchläden, dem Chinatown in Jyatha, und den vielen im Bau stehenden Hotelanlagen nach seinen Schilderungen von einer weiteren, nicht nur touristisch geprägten Hochkonjunktur. Selbst das Erdbeben im Jahre 2015 und die sich daran anschließenden Grenzblockade konnte diesen Boom nicht zum Erliegen bringen. Der Autor fügt an, dass der einst von nepalischen Eltern kritisch betrachtete und speziell für Touristen geschaffene Platz, mittlerweile von immer mehr jungen nepalischen Leuten besucht wird. Seiner Meinung nach hat dies damit zu tun, dass sich die neue Generation heutzutage nicht nur über ihre Gesellschaftsklasse identifiziert.

Dem Autor ist es gelungen, die Identität eines Stadtteils real, greifbar, lebendig und mit Bezug zur nepalischen Geschichte und der Entwicklung des Tourismus in Nepal darzustellen. Darüber hinaus zeichnet Thapa mit seinem Buch ein Portrait der Menschen, die dort leben und arbeiten.

Da sich Thapa bei den Geschichten der sechs Personen der Ich-Erzählerperspektive bedient, war es mir anfänglich nicht ganz klar, ob der Autor nun von sich selbst und seinen Erfahrungen oder von anderen Personen schreibt. Erst später bemerkte ich, dass die Kapitelnamen, die die Geschichten der sechs erzählenden Personen beinhalten mit Anführungszeichen gekennzeichnet sind und im Wechsel zu den anderen Kapiteln stehen. Diese optische Darstellung und die gewählte Erzählerperspektive machen die Erzähler für den Leser greifbar und erzeugen eine gewisse Spannung und Lebendigkeit.

Besonders haben mir die an manchen Stellen eingeflochtenen nepalischen Wörter und Sätze, die einen gewissen Pep und Schwung entstehen lassen, gefallen. Da die meisten Phrasen anschließend übersetzt werden, ist ein Verstehen der nepalischen Sprache durch die Leser keine zwingende Voraussetzung. Möglicherweise können die wenigen, nicht übersetzten nepalischen Wörter bei Lesern zu Irritationen führen. Aus dem Zusammenhang läßt sich jedoch der entsprechende Sinn erschließen.

Die adäquate Recherche über die Ursprünge, die interessante Aufbereitung von Fakten über die noch bestehenden Institutionen und Mythen des nepalischen Tourismus, das Einflechten der Geschichte Nepals gemischt mit der Darstellung der newarischen Traditionen lassen einen tiefen Blick hinter die Kulissen eines faszinierenden Ortes zu. Es sind die Ladenbesitzer, die Reiseagenturen, die Straßenkinder, die Prostituierten, die Restaurants, die Bars und Hotels, die Touristen und die Einheimischen, die diesen Ort ausmachen.

Das Buch ist besonders für diejenigen, die noch nie in Nepal waren und zum ersten Mal das Touristenviertel Thamel betreten, aber auch für diejenigen, die den Stadtteil bereits kennen und mehr über die Entstehung und Geschichte wissen möchten, geeignet. Mit diesem Buch können sich die Leser auf eine Reise in die Vergangenheit und Gegenwart begeben und einem Stadtteil, der einer Persönlichkeit mit vielen verschiedenen Charakterzügen gleichkommt, begegnen.

 

 

 

Veröffentlicht in der Zeitschrift  der Deutsch-Nepalischen Gesellschaft, Köln, nepal-i 118 – 2018  (S. 93)