Deutscher Delegationsbesuch in Nepal (2. – 5. April 2017)

28. Mai 2017 at 22:36

Bundesumweltministerin Dr. Barbara Hendricks führt Gespräche über Klimawandel, Waldrestauration, Bodenschutz und besucht Projekte, die mit deutschen Mitteln gefördert werden.

Nepal ist ein Land, das durch den Klimawandel stark gefährdet ist. Gletscherschmelze und der dadurch hervorgerufene Anstieg des Wasserspiegels von Gletscherseen sind weiterhin zu erwarten. Die Luftverschmutzung in Kathmandu und Umgebung ist alarmierend. Eine gute Waldrestauration und Aufforstung können dazu beitragen die Erderwärmung zu stoppen und den Klimawandel aufzuhalten. Auch der Boden- und Wasserschutz sind in diesem Zusammenhang relevante Themen, die besonderer Aufmerksamkeit bedürfen.

Der viertägige Aufenthalt der Bundesumweltministerin Dr. Hendricks fällt in eine Zeit, in der die schlechte Luftqualität in Kathmandu immer spürbarer wird und die Stadt unter einer dunklen Smog Glocke verschwindet. Deutschland gehört zu den wichtigsten bilateralen Gebern Nepals. Die langjährigen diplomatischen Beziehungen zu dem kleinen Himalaya Staat machen Deutschland zu einem verlässlichen Partner. Der Austausch über brisante Umweltthemen war einer der Schwerpunkte des Aufenthalts der Ministerin. Während dem Ministertreffen wurden Möglichkeiten der technischen Zusammenarbeit erörtert und die kurzfristige Implementierung eines Bodenschutz Projekts besprochen. „Die Ausstattung der zahlreichen Ziegeleien mit Filtern, könnte im Rahmen der technischen Zusammenarbeit ein deutscher Beitrag zur Reduzierung der Verschmutzung und Verbesserung der Luftqualität in Nepal sein.“ äußerte die Umweltministerin in einem Pressegespräch.

Der Besuch von geförderten Projekten bildete den weiteren Schwerpunkt der Reise. Während der Besichtigung eines Dorfentwicklungsprojekts „Climate Smart Village“ im Kavre Distrikt stellten nepalische Frauen ihre Arbeit mit großem Selbstbewusstsein der Delegation vor. Im Wissenspark Godavari, einem Model für ganzheitliche Entwicklung und Praktiken in der Landwirtschaft, hat sich die Ministerin über die Inhalte und Ergebnisse informiert. Vor Ort sind verschiedene Technologien in den Bereichen erneuerbare Energien, Wassermanagement, Vegetation und Bodenbewirtschaftung zu sehen.  Das Projekt kann von jedermann besichtigt werden und soll die Besucher über die Möglichkeiten einer nachhaltigen Entwicklung in einem Hochgebirge Ökosystem informieren und sensibilisieren. „Ich bin sehr beeindruckt, was in Nepal zum Schutz der Wälder gemacht wird.“ erklärte die Ministerin gegenüber Pressevertretern.

Bei einem Besuch der Altstadt von Patan hat sich die Umweltministerin von den Wiederaufbauarbeiten überzeugt. Der mit Tempelanlagen übersäte Königsplatz in Patan war durch das verheerende Erdbeben im April 2015 stark betroffen.  Jetzt, fast zwei Jahre danach, befindet sich die vom Kathmandu Valley Preservation Trust geleitete Restauration in vollem Gange. Die einzelnen Tempel, die zum UNESCO Weltkulturerbe zählen, werden unter anderem mit deutscher Beteiligung wiederaufgebaut. Direkt nach dem Erdbeben konnten viele historische Bauteile mit der Hilfe von Bewohnern und anderen Freiwilligen eingesammelt und im Innenhof des Museums gelagert werden. So blieben sogar Holzschnitzereien aus dem 9. Jahrhundert erhalten. Die akribische Sortierung und Nummerierung der nicht beschädigten Elemente erleichtern nun die Restaurierungsarbeiten. Die im Land vorhandenen Fähigkeiten der Handwerkskunst tragen darüber hinaus zu einem erfolgreichen Wiederaufbau bei. Heiligtümer und Tempel sind ein wichtiger Bestandteil im Alltag und Leben der Bevölkerung. Die deutsche Beteiligung am Wiederaufbau der Tempelanlagen findet dadurch eine besondere Bedeutung für die Menschen vor Ort.

Santa Man Maharjan, Einwohner von Patan und Betreiber des Gästehauses Lalit Heritage Home berichtet in einem Gespräch über die kulturelle Bedeutung des Patan Durbar Square. Der Platz ist ein lebendiges offenes Denkmal. Früh morgens und abends ist die Geschäftigkeit um den Tempelbereich besonders wahrzunehmen. Für alte und junge Menschen ist der altertümliche Bezirk als Treffpunkt nicht wegzudenken.  Während der vielen nepalischen Feste spielt dieser, für die Einheimischen so besondere, Ort eine zentrale Rolle und wird für traditionelle Aufführungen und Prozessionen genutzt.

„Ich kann die Wiederaufbauarbeiten am Durbar Square täglich von der Dachterrasse meiner Pension beobachten. Obwohl der Platz schon seit langer Zeit frei geräumt ist, gehen die Arbeiten langsam voran.“ setzt Santa seine Ausführungen fort.  Schuld daran ist seiner Meinung nach, die schleppende Initiative und Handlungsfähigkeit der nepalischen Regierung. Seine Enttäuschung ist ihm dabei ins Gesicht geschrieben.

Von seinem Logenplatz aus, hat Santa die deutsche Delegation am Tag des Ministerbesuchs allerdings nicht entdeckt. Das findet er sehr schade, denn er schätzt den deutschen Beitrag zum Wiederaufbau sehr. „Deutschland unterstützt die Stadt Patan mit Spendengeldern in verschiedenen Bereichen. Vor einigen Jahren wurde ein Projekt zur Müllentsorgung umgesetzt. Im Vordergrund der Unterstützung steht nun der Wiederaufbau der Tempelanlagen und damit der Lebendigkeit und Essenz des Weltkulturerbes.“

Die nachfolgende Aufforderung der Umweltministerin an die Menschen in Nepal könnte ein wirksames Mittel gegen die tiefe Enttäuschung von Santa über die eigene Regierung sein:

„Ich möchte die Menschen in Nepal aufrufen zur Wahl zu gehen und von ihrem demokratischen Recht Gebrauch zu machen.“

 


Pressegespräch in Kathmandu

 

Artikel erschienen in der Zeitschrift der Deutsch-Nepalischen Gesellschaft „Nepal-i“ (deutsch-nepali Magazin) – Ausgabe 116/2017

Namaskar Nepal – Informationen / Rundbrief No. 21

10. Mai 2017 at 16:22

10. Mai 2017 – Namaskar Nepal – Informationen / Rundbrief No. 21

Was sich in drei Monaten alles bewegen kann…


Seit der Versendung unseres letzten Rundbriefs und dem erneuten Start des Wiederaufbau-Projekts im Februar 2017 sind mittlerweile drei Monate vergangen.

Heute ist Vollmond. Es ist Buddha Jayanti, der Geburtstag von Prinz Siddhartha Gautama, später Gautama Buddha.

Die meisten Buddhisten in Nepal besuchen während diesem Fest mindestens eine der beiden Stupas in Swayambunath oder in Boudhanath um eine Kora (Umrundung der Stupa) zu gehen oder Butterlampen anzuzünden. Normalerweise sind die Wege rund um die Heiligtümer mit Gebete murmelnden Menschen überfüllt. Ein schnelles Durchkommen ist fast nicht möglich. In diesem Jahr sind es nur wenige, die ihre Runden drehen. Dies liegt zum einen daran, dass das Fest nach buddhistischem Kalender in einen “schwarzen” Monat fällt. Zum anderen aber auch an einem weiteren wichtigen in Kürze stattfindenden Ereignis: den Kommunalwahlen in Nepal. Viele Wahlberechtigte sind bereits unterwegs in die Dörfer um dort ihre Stimme abzugeben.


Die örtlichen Wahlen werden in zwei Phasen an zwei verschiedenen Tagen erfolgen. Diese Lösung ist den protestierenden Madhesi-Parteien, die die Wahlen aufgrund bisher nicht erfolgter Anpassung der Verfassung vom 20.09.2015 eigentlich boykottieren wollten, zuzuschreiben.  Die erste Phase umfasst den Wahltag am kommenden Sonntag, 14. Mai 2017  in 33 Distrikten der neuen Provinzen (Bundesstaaten) Nr. 3, 4 und 6. Die zweite Phase der Wahlen findet am Mittwoch, den 14. Juni 2017 in 43 Distrikten der Provinzen Nr. 1, 2, 5 und 7 statt. Die Verwaltungsgliederung in 75 Distrikte hat sich nicht geändert und ist nach wie vor gegeben.  Da der Distrikt Rukum jedoch in einen östlichen  Teil, der der Provinz Nr. 5 zugeordnet ist und einen westlichen Teil in der Provinz Nr. 6 untergliedert ist, ergibt sich die oben aufgeführte Zahl von 76 Distrikten.


Die Meinungen zu den Wahlen im Lande sind geteilt. Lokalen Zeitungsberichten zufolge haben die Menschen in Jumla kein Interesse an einer Wahlbeteiligung. Die dortige Bevölkerung, insbesondere die Jugend macht sich derzeit auf um Yarsagumba, den chinesischen Raupenpilz zu sammeln. Die Erntezeit, die auf die Monate Mai bis Juli begrenzt ist,  fällt genau in den Wahlzeitraum. Die meisten Menschen im Jumla Distrikt erwirtschaften in dieser relativ kurzen Zeit ihren gesamten jährlichen Lebensunterhalt durch das Sammeln und den Verkauf des Pilzes. Der Pilz, der auch “Himalayan Viagra” genannt wird, hat heilende Kräfte und wird zur Herstellung von Medizin verwendet.

Unterdessen nähern sich die Wahlkämpfe in Kathmandu und anderen nepalischen Städten dem Höhepunkt. Parteimitglieder ziehen zum Stimmenfang mit dröhnenden Lautsprecheransagen, lauter Musik und Motorrad Konvois durch die Straßen. Selbst telefonisch versuchen einige Kandidaten die Bürger von sich und ihrem Parteiprogramm zu überzeugen.

Damit sich auch Lehrer und Lehrerinnen  in den Wahlkampf einbringen und ihren Stimmzetteln in die Wahlurne werfen können, hat die Regierung ab heute Schulferien für vier Tage angeordnet.

Auch unsere Arbeiter in Brabal werden in den nächsten Tagen ihre handwerklichen Tätigkeiten einstellen, in ihre Dörfer ziehen und von ihrem demokratischen Wahlrecht Gebrauch machen.


Die Arbeiter und Bewohner von Brabal haben zwischenzeitlich hervorragende Arbeit geleistet. Nachdem bis Ende 2016 sechs Häuser erstellt wurden, konnten seit dem erneuten Start des Wiederaufbaus-Projekts  im Februar sieben weitere Häuser gebaut werden. Stand Mai 2017 sind nunmehr 13 Häuser fertiggestellt. Eine grandiose Leistung, die Dank der großartigen Unterstützung von Ihnen, den Spendern, Förderern,
Mitgliedern, Volontären und Freunden von Sunaulo Sansar, erbracht werden konnte.

Wenn der Monsun noch etwas auf sich warten lässt, ist der Bau von drei weiteren Häusern nach Beendigung der Wahlen geplant.

Am 25. April 2017 hat sich der Tag des schweren Erdbebens in Nepal zum zweiten Mal gejährt. Die National Reconstruction Authority Behörde (NRA), die aufgrund der langsamen Wiederaufbauarbeiten immer wieder in Kritik gerät, hat dazu einen zusammenfassenden Bericht über die bisherigen Arbeiten veröffentlicht. Der Bericht ist unter dem folgenden Link abrufbar:

http://nra.gov.np/uploads/docs/ymGbKAUqGs170501065959.pdf

 

Nachfolgend einige Fotoimpressionen von den Bauarbeiten und neuen Häusern in Brabal:

1. Das neue Haus von Nima Tenjen und seiner Frau Kamsya:

 

 

 

2. Das neue Haus von Namgyal und seiner Frau Bajyang:

 

 

 

 

3. Das neue Haus von Kanchha und seiner Frau Pasang Diki während der Bauphase (zwischenzeitlich fertiggestellt):

 

 

4. Das neue Haus von Bunima und seiner Frau Himali während der Bauphase (zwischenzeitlich fertiggestellt):

 

 

5. Das neue Haus der Witwe Nimabudi während der Bauphase (zwischenzeitlich fertiggestellt):

 

 

6. Das erste seismische Band für das neue Haus von Phurpu und seiner Frau Karma Yangjen (zwischenzeitlich fertiggestellt):

 

 

7. Die Grundsteinlegung für das neue Haus von Khamsung und seiner Frau Buyi (zwischenzeitlich fertiggestellt, bis auf Dachdecker Arbeiten):

 

Namaste!!!

Namaskar Nepal – Informationen / Rundbrief No. 20

14. Februar 2017 at 14:49

14. Februar 2017 – Namaskar Nepal – Informationen / Rundbrief No. 20

Es ist soweit! Fortsetzung der Wiederaufbauarbeiten in Brabal

Die Straße nach Brabal ist wieder befahrbar und die kalten Monate in Nepal sind fast vorüber. Am 17.02.2017  kommen die Arbeiter ins Dorf und die ersehnte Ladung Zement wird geliefert.

Das vorbereitete Grundstück von Dorfbewohner Kancha wartet auf Bebauung. Die Eigenleistungen in Form von Steinen und Holz liegen bereit. Wir freuen uns sehr, dass wir nun die Wiederaufbauarbeiten fortsetzen können. Wir hoffen, dass wir bis zur Regenzeit erneut 6 – 7 Häuser erstellen können und uns keine unvorhersehbaren Ereignisse einen Strich durch unsere Planung machen.

Während unserem Besuch in Brabal von 8. bis  11. Januar 2017 haben wir die Familien in den neuen Häusern besucht. Zwei Häuser sind komplett eingerichtet und bewohnt. Bei den anderen vier Häusern wird noch fleißig an der Innenausstattung gearbeitet. Manche kleiden die Räume zur Dämmung mit Holzplatten aus, andere verputzen die Wände. Holzböden werden eingezogen, Fenster bunt gestrichen. Es ist wirklich wunderschön zu sehen wie jede Familie ihr Haus individuell gestaltet.

Was uns wieder besonders aufgefallen ist, ist die Geschäftigkeit der Dorfbewohner und die gegenseitige Unterstützung. Gemeinsam werden Maler- und Sägearbeiten ausgeführt und wunderschöne Türrahmen geschnitzt.

Eine  zweckgebundene Spende und die Initiativen von Walter und Sigrid Rohrer aus Neckargemünd, ermöglichten uns die erste Übergabe von umwelt- und gesundheitsfreundlichen Öfen an die neuen Hauseigentümer. Sukzessive, sobald die neuen Häuser erstellt sind, erhält jeder Dorfbewohner diesen Ofen. Die neuen Besitzer waren überglücklich und nahmen den Ofen freudig und dankbar entgegen. Vielen Dank nochmals für diese großzügige Spende, auch im Namen der Dorfbewohner.

Eine weitere Freude bereiteten Chrissi und Georg den Einwohnern von Brabal. Die beiden Stuttgarter haben die Familie ihres Patenkindes besucht und dabei die Gelegenheit genutzt, allen Dorfbewohnern eine Thermoskanne zu übergeben.

An dieser Stelle möchten wir ein Herzliches Dankeschön an alle Spender, Förderer, Mitglieder, Volontäre und Freunde von Sunaulo Sansar aussprechen. Die Unterstützung ist einfach großartig und macht es uns möglich die Projekte in Nepal umzusetzen. Das Spendenaufkommen im letzten Jahr war wieder überwältigend. In Kürze werden wir dazu unseren Rechenschafts- und Tätigkeitsbereich 2016 veröffentlichen.

Seit dem letzten Rundbrief im September 2016 gibt es auch ein paar neue Nachrichten aus Nepal.

Die Mobilfunk-App mit den Zeiten über die Stromabschaltungen ist seit Ende Oktober letzten Jahres eigentlich überflüssig. Es scheint als gehört das Load Shedding der Vergangenheit an. Unglaublich, aber wahr. Ein gezieltes Management der Stromverteilung, Kontrolle der Stromdiebe, Einsatz neuer sowie Aufstockung von alten Wasserkraftwerken und die Aufdeckung von korrupten Machenschaften innerhalb der Behörde NEA – Nepal Electric Authority  bescherten zunächst den Einwohnern von Kathmandu eine Stromversorgung rund um die Uhr. Mittlerweile ist das ganze Kathmandutal, Pokhara und Chitwan mit 24 Stunden Strom versorgt.

Am 22. November 2016 fand die offizielle Einweihung des buddhistischen Stupa von Boudhanath statt. Der Stupa wurde durch das Erdbeben in 2015 stark beschädigt. Nach 18 monatigen Renovierungs- und Restaurationsarbeiten wurde das Heiligtum in einer dreitägigen Zeremonie mit speziellen Ritualen wiedereröffnet. Laut offiziellen Angaben wurden die Wiederaufbauarbeiten von nationalen und internationalen Spenden finanziert. Ein Beitrag der Regierung wurde dazu nicht geleistet.

Derzeit sind überall Wiederaufbauarbeiten in Kathmandu, Patan und Bhaktapur zu beobachten. Darüberhinaus werden im Rahmen des Melamchi Trinkwasser Projektes  Rohre im Kathmandu Tal verlegt. Leider trägt der dadurch zusätzlich produzierte Staub zusammen mit dem Smog zu einer katastrophalen Luftqualität bei. Die Regierung sollte schnellstens Maßnahmen gegen die Luftverschmutzung einleiten.  Allerdings sind die Parteien momentan damit beschäftigt sich über die Durchführung von Kommunalwahlen zu streiten. Seit über 18 Jahren fanden keine lokalen Wahlen  statt.

Ja, so dreht sich in Nepal immer wieder einiges im Kreis und dann plötzlich, so wie mit der Stromversorgung, geht es einen riesigen Schritt voran.

Nachfolgend einige Foto Impressionen aus Brabal:  

 

Haus von Lakta und Familie

 

Laktas Sohn in der Küche mit dem neuen Ofen

 

Haus von Sonam und Familie

 

Innengestaltung Haus von Sonam

 

Haus von Yangri

 

Wände werden in Yangris Haus verputzt

 

Haus von Babu Singi und Familie

 

Holzböden werden in Babu Singis Haus eingezogen

 

Holzschnitzerei-Arbeiten

 

Haus von Dandul und Familie

 

Türgestaltung Dandul Haus

 

Dandul und seine Frau mit dem neuen Ofen

 

Dorfbewohner mit der neuen Thermoskanne

 

Ganzheitliche Heilung nach tibetischer Medizin in Nepal

30. November 2016 at 12:19

Auf den Spuren der Amchi Doktoren im Himalaya

Geht das uralte Heilwissen in Nepal verloren? Welche Herausforderungen haben die tibetischen Naturheiler in der heutigen Zeit zu bewältigen? Gibt es Möglichkeiten diese Heilmethode zu erhalten? Diese und weitere Fragen wurden bei der „Internationalen Konferenz über Heilmethoden im Himalaya“ diskutiert.

„Namaste und Tashi Delek, ich bin ein Amchi Doktor und komme aus Jharkot, einem kleinen Dorf im Lower Mustang Gebiet in Nepal. Über neun Generationen hinweg wird in meiner Familie tibetische Medizin praktiziert. Für die lokale Bevölkerung führen wir außerdem Rituale nach der altertümlichen Bön Tradition durch.“ stellt sich Nyima Samphel vor.

Internationale Konferenz im entlegenen Apfelparadies Marpha
Nyima Samphel war einer der Referenten, die Anfang Oktober 2016 an der „Internationalen Fachkonferenz über Heilmethoden im Himalaya“ in Nepal teilnahmen.  Zu der dreitägigen Zusammenkunft im entfernten Dorf Marpha reisten tibetische Doktoren aus den Regionen Upper Mustang und Tsum sowie internationale Redner an.

„Als Veranstaltungsort haben wir bewusst den kleinen Ort Marpha auf 2.670 m gewählt“ sagt Nadine Plachta, Repräsentantin des Südasien Institut Kathmandu. „Zum einen können wir mit der Durchführung einer Konferenz in den Bergen, die lokale Bevölkerung unterstützen. Zum anderen bietet diese buddhistische Siedlung fernab der Hauptstadt Schutz für die in Abgeschiedenheit lebenden Amchis.“

Als Vertreter der Hauptorganisatoren wohnten dem Kongress der deutsche Botschafter Matthias Meyer, UNESCO Repräsentant Christian Manhart und der Tibetologe Christoph Cüppers bei. Das Symposium fokussierte den Wissensaustausch zwischen Menschen mit unterschiedlich medizinischem Hintergrund sowie die Schaffung eines Netzwerks um diese traditionelle Medizin zu erhalten. Diskussionen über die verschiedenen Sichtweisen zu Krankheiten und Krankheitsbildern sowie Behandlungsmethoden standen ebenfalls auf dem Programm.

Zwei europäische Nonnen, die im buddhistischen Kloster Kopan in Kathmandu ordiniert sind und fließend Tibetisch sprechen, fungierten während der Konferenz als Übersetzerinnen.  Eine Verständigung zwischen den tibetisch sprechenden Amchi Doktoren und den anderen Teilnehmern und Referenten war somit gewährleistet.

Geistesgifte, Körpersäfte und Kräuterpillen
Sowa Rigpa ist tibetisch und bedeutet übersetzt „Die Wissenschaft vom Heilen“. Diese Heilkunde ist eine der ältesten und wird in Tibet und quer durch den Himalaya praktiziert. Die Wurzeln der tibetischen Medizin sind in der traditionell chinesischen Medizin (TCM) und im Ayurveda zu finden. Darüber hinaus sind die Lehren Buddhas, Elemente des Tantrismus und Ritualpraktiken weitere Bestandteile dieser Heilmethode. Die Jahrhunderte alte medizinische Tradition betrachtet den Menschen ganzheitlich. Wenn sich Körper, Seele und Geist nicht im Gleichgewicht befinden entsteht Krankheit. Auch die im Buddhismus beschriebenen drei Geistesgifte Begierde, Hass und Verblendung wirken gemäß tibetischer Medizin schädigend auf die Gesundheit. Bei der Diagnose und anschließenden Auswahl der Behandlungsmethoden werden zusätzlich die konstitutionellen Eigenschaften eines Menschen berücksichtigt. Die tibetische Medizin geht davon aus, dass eine Unausgewogenheit der drei Körpersäfte Wind, Galle und Schleim, Einfluss auf das Krankheitsbild haben. Heilkräuter, Mineralien und Naturprodukte aus dem Himalaya bilden die Grundlage für die Herstellung von Arzneimitteln und alternativen Heilbehandlungen.

Über den Puls zur Heilung
Die Diagnose wird bei der tibetischen Heilkunst hauptsächlich durch das Tasten und Hören des Pulsschlags gestellt. Diese Praktik erfordert ein jahrelanges Studium und Üben. Die Analyse des Urins und eingehende Betrachtung von Zunge und Augen sind weitere Methoden der Diagnostik.

Zur Heilung von Krankheiten und Aktivierung der Selbstheilungskräfte werden Heilkräutern in Form von Pulver, Flüssigkeiten und Pillen verabreicht. Zu den externen Therapien gehören der Aderlass, die Auflage von Kompressen, Moxibustion, Ölmassagen und Kräuterbäder.

Ani Kunsang, ein weiblicher Amchi aus dem Tsumtal im Gorkha Distrikt erklärte den Konferenzteilnehmern die besondere Wirkung des Kräuterbads: „Durch die Zugabe von verschiedenen Kräutern, die den gegensätzlichen Elementen Wasser und Feuer zugeordnet sind, hat diese Behandlung die gleiche therapeutische Wirkung wie ein Bad in einer natürlichen heißen Quelle. Heilkräuter werden im Tsumtal bis zu einer Höhe von 5.000 m gesammelt und zur Herstellung von Medikamenten und Kräuterpillen verwendet.“

Herausforderungen und Möglichkeiten
„In Nepal ist das Upper Mustang Gebiet am dichtesten mit Amchi Doktoren besiedelt. Bis zum 14. Jahrhundert gehörte Upper Mustang zu Ngari, einer Region im Westen Tibets. In früheren Zeiten hatte jedes Dorf seinen eigenen Amchi. Heutzutage ist ein Arzt für mehrere Dörfer zuständig und es wird immer schwieriger das Wissen an die nächste Generation weiterzugeben. Landflucht und ein Bezahlungssystem, das auf freiwilligen Spenden basiert, sind die Gründe dafür.“ berichtet Amchi Nyima. Er ist nicht der einzige, der während der Konferenz seine Sorge über den Fortbestand der tibetischen Medizin in Nepal zum Ausdruck bringt.

Gaurav Lamichhane, der an der Universität Heidelberg studierte, wies in seinem Vortrag auf die fehlende Anerkennung der Tibetischen Medizin durch die Regierung in Nepal hin. Die staatliche Gesundheitspolitik sei von der westlichen Medizin beeinflusst. Naturheilverfahren werden außer Acht gelassen und nicht mehr geschätzt.

Um einen Fortbestand der tibetischen Medizin im Land zu sichern, wurden lokale Organisationen und Institutionen ins Leben gerufen. Im Jahre 1993 gründeten die Brüder und praktizierenden Amchi Doktoren Gyatso und Tenzin Bista, die Lo Kunphen Amchi Klinik in Lo Manthang, Upper Mustang.
7 Jahre später eröffneten sie die Lo Kunphen Mentsikhang and School, eine Ausbildungsstätte für Amchis. Die Brüder sind Gründungsmitglieder der Himalayan Amchi Association, die sich aktiv für die Kultivierung und nachhaltigen Nutzung von Heilkräutern im Himalaya sowie Verbesserung der medizinischen Standards einsetzt.

2015 wurde erstmalig ein Bachelor Studiengang Sowa Rigpa Medizin (Amchi Medizin) von der Lumbini Buddhist Universtität in Zuammenarbeit mit dem Sowa Ripga International College in Kathmandu angeboten.

Nach dem Ende der Fachkonferenz steht auch bei den Veranstaltern der Erhalt von einheimischen Heilmethoden und der tibetischen Medizin im Vordergrund. Im Herbst 2017 wird ein Sammelband über die einzelnen Vorträge dieser Tagung erscheinen. Weitere Konferenzen sind im zwei-Jahres-Rhythmus zum Austausch zwischen lokalen Amchi Doktoren und internationalen Medizin Ethnologen geplant.

 

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Dorf Marpha mit buddhistischem Kloster

 

Die englische Version dieses Artikels „I am an Amchi“ wurde in der Nepali Times Ausgabe #832, 11-17 November 2016 veröffentlicht. 

Amchi Doktoren im Himalaya

16. November 2016 at 9:50

Mein Artikel in der Nepali Times (http://nepalitimes.com/) gibt Einblicke in die ganzheitliche Heilung nach tibetischer Medizin (Sowa Rigpa) und berichtet von der Internationalen Konferenz über Heilmethoden im Himalaya.

http://nepalitimes.com/article/nation/I-am-an-amchi,3349

 

 

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Marpha