Ganzheitliche Heilung nach tibetischer Medizin in Nepal

30. November 2016 um 12:19

Auf den Spuren der Amchi Doktoren im Himalaya

Geht das uralte Heilwissen in Nepal verloren? Welche Herausforderungen haben die tibetischen Naturheiler in der heutigen Zeit zu bewältigen? Gibt es Möglichkeiten diese Heilmethode zu erhalten? Diese und weitere Fragen wurden bei der „Internationalen Konferenz über Heilmethoden im Himalaya“ diskutiert.

„Namaste und Tashi Delek, ich bin ein Amchi Doktor und komme aus Jharkot, einem kleinen Dorf im Lower Mustang Gebiet in Nepal. Über neun Generationen hinweg wird in meiner Familie tibetische Medizin praktiziert. Für die lokale Bevölkerung führen wir außerdem Rituale nach der altertümlichen Bön Tradition durch.“ stellt sich Nyima Samphel vor.

Internationale Konferenz im entlegenen Apfelparadies Marpha
Nyima Samphel war einer der Referenten, die Anfang Oktober 2016 an der „Internationalen Fachkonferenz über Heilmethoden im Himalaya“ in Nepal teilnahmen.  Zu der dreitägigen Zusammenkunft im entfernten Dorf Marpha reisten tibetische Doktoren aus den Regionen Upper Mustang und Tsum sowie internationale Redner an.

„Als Veranstaltungsort haben wir bewusst den kleinen Ort Marpha auf 2.670 m gewählt“ sagt Nadine Plachta, Repräsentantin des Südasien Institut Kathmandu. „Zum einen können wir mit der Durchführung einer Konferenz in den Bergen, die lokale Bevölkerung unterstützen. Zum anderen bietet diese buddhistische Siedlung fernab der Hauptstadt Schutz für die in Abgeschiedenheit lebenden Amchis.“

Als Vertreter der Hauptorganisatoren wohnten dem Kongress der deutsche Botschafter Matthias Meyer, UNESCO Repräsentant Christian Manhart und der Tibetologe Christoph Cüppers bei. Das Symposium fokussierte den Wissensaustausch zwischen Menschen mit unterschiedlich medizinischem Hintergrund sowie die Schaffung eines Netzwerks um diese traditionelle Medizin zu erhalten. Diskussionen über die verschiedenen Sichtweisen zu Krankheiten und Krankheitsbildern sowie Behandlungsmethoden standen ebenfalls auf dem Programm.

Zwei europäische Nonnen, die im buddhistischen Kloster Kopan in Kathmandu ordiniert sind und fließend Tibetisch sprechen, fungierten während der Konferenz als Übersetzerinnen.  Eine Verständigung zwischen den tibetisch sprechenden Amchi Doktoren und den anderen Teilnehmern und Referenten war somit gewährleistet.

Geistesgifte, Körpersäfte und Kräuterpillen
Sowa Rigpa ist tibetisch und bedeutet übersetzt „Die Wissenschaft vom Heilen“. Diese Heilkunde ist eine der ältesten und wird in Tibet und quer durch den Himalaya praktiziert. Die Wurzeln der tibetischen Medizin sind in der traditionell chinesischen Medizin (TCM) und im Ayurveda zu finden. Darüber hinaus sind die Lehren Buddhas, Elemente des Tantrismus und Ritualpraktiken weitere Bestandteile dieser Heilmethode. Die Jahrhunderte alte medizinische Tradition betrachtet den Menschen ganzheitlich. Wenn sich Körper, Seele und Geist nicht im Gleichgewicht befinden entsteht Krankheit. Auch die im Buddhismus beschriebenen drei Geistesgifte Begierde, Hass und Verblendung wirken gemäß tibetischer Medizin schädigend auf die Gesundheit. Bei der Diagnose und anschließenden Auswahl der Behandlungsmethoden werden zusätzlich die konstitutionellen Eigenschaften eines Menschen berücksichtigt. Die tibetische Medizin geht davon aus, dass eine Unausgewogenheit der drei Körpersäfte Wind, Galle und Schleim, Einfluss auf das Krankheitsbild haben. Heilkräuter, Mineralien und Naturprodukte aus dem Himalaya bilden die Grundlage für die Herstellung von Arzneimitteln und alternativen Heilbehandlungen.

Über den Puls zur Heilung
Die Diagnose wird bei der tibetischen Heilkunst hauptsächlich durch das Tasten und Hören des Pulsschlags gestellt. Diese Praktik erfordert ein jahrelanges Studium und Üben. Die Analyse des Urins und eingehende Betrachtung von Zunge und Augen sind weitere Methoden der Diagnostik.

Zur Heilung von Krankheiten und Aktivierung der Selbstheilungskräfte werden Heilkräutern in Form von Pulver, Flüssigkeiten und Pillen verabreicht. Zu den externen Therapien gehören der Aderlass, die Auflage von Kompressen, Moxibustion, Ölmassagen und Kräuterbäder.

Ani Kunsang, ein weiblicher Amchi aus dem Tsumtal im Gorkha Distrikt erklärte den Konferenzteilnehmern die besondere Wirkung des Kräuterbads: „Durch die Zugabe von verschiedenen Kräutern, die den gegensätzlichen Elementen Wasser und Feuer zugeordnet sind, hat diese Behandlung die gleiche therapeutische Wirkung wie ein Bad in einer natürlichen heißen Quelle. Heilkräuter werden im Tsumtal bis zu einer Höhe von 5.000 m gesammelt und zur Herstellung von Medikamenten und Kräuterpillen verwendet.“

Herausforderungen und Möglichkeiten
„In Nepal ist das Upper Mustang Gebiet am dichtesten mit Amchi Doktoren besiedelt. Bis zum 14. Jahrhundert gehörte Upper Mustang zu Ngari, einer Region im Westen Tibets. In früheren Zeiten hatte jedes Dorf seinen eigenen Amchi. Heutzutage ist ein Arzt für mehrere Dörfer zuständig und es wird immer schwieriger das Wissen an die nächste Generation weiterzugeben. Landflucht und ein Bezahlungssystem, das auf freiwilligen Spenden basiert, sind die Gründe dafür.“ berichtet Amchi Nyima. Er ist nicht der einzige, der während der Konferenz seine Sorge über den Fortbestand der tibetischen Medizin in Nepal zum Ausdruck bringt.

Gaurav Lamichhane, der an der Universität Heidelberg studierte, wies in seinem Vortrag auf die fehlende Anerkennung der Tibetischen Medizin durch die Regierung in Nepal hin. Die staatliche Gesundheitspolitik sei von der westlichen Medizin beeinflusst. Naturheilverfahren werden außer Acht gelassen und nicht mehr geschätzt.

Um einen Fortbestand der tibetischen Medizin im Land zu sichern, wurden lokale Organisationen und Institutionen ins Leben gerufen. Im Jahre 1993 gründeten die Brüder und praktizierenden Amchi Doktoren Gyatso und Tenzin Bista, die Lo Kunphen Amchi Klinik in Lo Manthang, Upper Mustang.
7 Jahre später eröffneten sie die Lo Kunphen Mentsikhang and School, eine Ausbildungsstätte für Amchis. Die Brüder sind Gründungsmitglieder der Himalayan Amchi Association, die sich aktiv für die Kultivierung und nachhaltigen Nutzung von Heilkräutern im Himalaya sowie Verbesserung der medizinischen Standards einsetzt.

2015 wurde erstmalig ein Bachelor Studiengang Sowa Rigpa Medizin (Amchi Medizin) von der Lumbini Buddhist Universtität in Zuammenarbeit mit dem Sowa Ripga International College in Kathmandu angeboten.

Nach dem Ende der Fachkonferenz steht auch bei den Veranstaltern der Erhalt von einheimischen Heilmethoden und der tibetischen Medizin im Vordergrund. Im Herbst 2017 wird ein Sammelband über die einzelnen Vorträge dieser Tagung erscheinen. Weitere Konferenzen sind im zwei-Jahres-Rhythmus zum Austausch zwischen lokalen Amchi Doktoren und internationalen Medizin Ethnologen geplant.

 

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Dorf Marpha mit buddhistischem Kloster

 

Die englische Version dieses Artikels „I am an Amchi“ wurde in der Nepali Times Ausgabe #832, 11-17 November 2016 veröffentlicht. 

Amchi Doktoren im Himalaya

16. November 2016 um 9:50

Mein Artikel in der Nepali Times (http://nepalitimes.com/) gibt Einblicke in die ganzheitliche Heilung nach tibetischer Medizin (Sowa Rigpa) und berichtet von der Internationalen Konferenz über Heilmethoden im Himalaya.

http://nepalitimes.com/article/nation/I-am-an-amchi,3349

 

 

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Marpha

 

Namaskar Nepal – Informationen / Rundbrief No. 19

30. September 2016 um 10:20

30. September 2016 – Namaskar Nepal – Informationen / Rundbrief No. 19

Das Ende der Regenzeit ist in Sicht.
Die Fortsetzung des Wiederaufbaus leider noch nicht.

Eine Wiederaufnahme im November steht in gutem Licht.
Dann wachsen weitere Häuser im Dorf Brabal dicht an dicht.

 

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Überquellende Flüsse in der Monsunjahreszeit

 

Der Monsun hat in diesem Jahr wieder überall seine Spuren im Land hinterlassen. Erdrutsche, blockierte Straßen, Steinschläge, weggespülte Wege, Straßenzüge wie reißende Bäche, abgeschnittene Dörfer.

Gelegentlich fällt derzeit noch Regen und die schwüle Hitze ist immer noch etwas zu spüren.

Zu gerne hätten wir berichtet, dass die Wiederaufbauarbeiten nach der Regenpause bereits begonnen haben.  Dem ist leider nicht so. Wie bereits in den Monaten zuvor verläuft in Nepal nicht alles nach Plan. Geduld, Improvisation und Beharrlichkeit sind wieder einmal gefragt.

Der befahrbare Weg von Thulo Barkhu nach Brabal wurde durch den starken Regen weggewischt. Erforderliche Materialtransporte können deshalb nicht durchgeführt werden. Stahl und Sand lagern noch im Dorf und warten auf den Einsatz beim Hausbau. Da Zement bei Feuchtigkeit verklebt, wurde dieser vor dem Einsetzen der Regenzeit komplett aufgebraucht. Nachschub ist zur Wiederaufnahme der Bauarbeiten notwendig.

Wann die Straße wieder befahrbar ist, ist schwer zu sagen. Reparaturarbeiten haben derzeit noch nicht begonnen. Die Feste Dashain und Tihar stehen vor der Tür und es ist unwahrscheinlich, dass sich davor etwas bewegt. Wir gehen derzeit davon aus, dass wir im November die Wiederaufbauarbeiten fortsetzen können.

Dennoch freuen wir uns, dass durch die gute Zusammenarbeit der Arbeiter aus Okhaldhunga und den Dorfbewohnern vor der Regenzeit insgesamt sechs Häuser in einem Zeitraum von drei Monaten fertiggestellt werden konnten. Das ist eine grandiose Leistung!
 

 

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Neues Haus in Brabal

 

Während den Monsun-Monaten hat sich auf dem politischen Parkett in Nepal wieder einiges getan. Premierminister Oli trat nach Aufkündigung der Koalition durch die CPN Maoisten am 24. Juli 2016 zurück.  Die Formierung einer neuen Regierung unter Führung der CPN Maoisten erfolgte mit Unterstützung der Nepali Congress Partei. Neuer Premierminister ist Pushpa Kamal Dahal, Parteichef der Maoisten.

Der neue Premierminister hat angekündigt, dass die Entschädigungszahlungen an die Erdbebenopfer von NPR 200.000 (ca. EUR 1.740) auf NPR 300.000 (ca. EUR 2.600) pro Haushalt erhöht werden sollen. Dies wurde allerdings noch nicht offiziell bestätigt.

Dennoch konnten Presseberichten zufolge über 400.000 Betroffene die erste Rate über NPR 50.000 (ca. EUR 435) in Empfang nehmen.

Mittlerweile hat auch die Reisezeit begonnen. Touristen starten ihre Trekkingtouren in den verschiedenen Regionen. Erfreulicherweise sind gemäß einer Statistik der Immigration Behörde die Touristenzahlen in den ersten 6 Monaten um 12, 77 % gestiegen. Wir blicken mit Freude und Zuversicht auf die kommende Saison. Wir sind dankbar, dass wir in diesem Jahr wieder ausgebucht sind und unser Team viele Gäste in Nepal begrüßen darf.

 

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Magisches Nepal

 
NAMASTE

Sabine & Temba

Sterne zum Greifen nah

25. August 2016 um 14:08

Sind wir dem Himmel im Himalaya ein Stück näher?
Während meiner ersten Nepal-Reise vor fast 10 Jahren war der nächtliche Sternenhimmel in den Bergen ein unvergessliches Erlebnis. Je höher wir beim Trekking stiegen, desto mehr funkelte es am dunklen Nachthimmel. Die Sterne leuchteten hell und es schien als könnte ich sie pflücken. Sterne zum Greifen nah. Ein Anblick zum Innehalten. Magische Sekunden und Inspiration für ein Gedicht:

STERNE

Bedecken den
Himmel.

Funkeln, strahlen, glitzern
zum Greifen
nahe.

Diesen Friedensteppich
zu sehen
zu spüren
aufzusaugen

ist ein Geschenk.

(Sabine Pretsch, 18.03.2007)

 

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Was hat es mit dem Kopf hin und her Wiegen in Nepal auf sich?

30. Juli 2016 um 13:40

Ja – Nein – Vielleicht?

Wer in Deutschland einmal kurz oder auch mehrfach hintereinander mit dem Kopf nickt, gibt dadurch ein klares und direktes JA zum Ausdruck. Wer kräftig den Kopf schüttelt und ihn dabei seitlich nach links und rechts bewegt signalisiert ein NEIN.

Nonverbale Kommunikationen durch Gesten sind je nach Kultur ganz unterschiedlich. Deshalb sorgt das hin und her Wiegen des Kopfes in Nepal beim ausländischen Gegenüber oftmals für Verwirrung.

Nach europäischem Verständnis wird mit dieser Bewegung des Kopfes eine Ablehnung ausgedrückt. In Nepal zeigt das in einem langsamen Tempo seitliche hin und her Wiegen des Kopfes eine Zustimmung an. Dabei handelt es sich eher um ein weiches JA, das auch in ein Vielleicht übergehen kann. Ein NEIN wird in Nepal ebenfalls durch ein kräftiges seitliches Kopfschütteln symbolisiert. Dies kommt jedoch äußerst selten vor, da Ablehnung in der Öffentlichkeit nicht immer direkt gezeigt wird.

Kulturbedingte Verhaltensweisen können Rätsel aufgeben. Wichtig ist dabei offen zu bleiben, zu beobachten und gegebenenfalls nachzufragen.

NAMASTE!!!

 

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