Namaskar Nepal – Informationen / Rundbrief No. 12

25. Oktober 2015 um 12:27

Namaskar Nepal

25. Oktober 2015 – Namaskar Nepal – Informationen / Rundbrief No. 12

Nepal – Neuanfang mit Startschwierigkeiten?!?

Seit dem ersten Erdbeben in Nepal ist auf den Tag genau ein halbes Jahr vergangen. Die Dashain-Feierlichkeiten (Verehrung der hinduistischen Göttin Durga, die Mut, Kraft und Weisheit symbolisiert) sind gerade zu Ende gegangen. Das nächste Fest Tihar (Diwali – Lichterfest; Verehrung von Laxmi, der hinduistischen Göttin des Glücks, Reichtums und der Schönheit) steht schon vor der Tür.

 

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Blumengirlanden aus Tachetes

 
Feste und Rituale sind ein wichtiger und fester Bestandteil in den nepalesischen Traditionen. Genauso wie Familie und Dorfgemeinschaften geben sie Struktur und Halt im Alltag.

Organisierte Prozesse und vorausschauende Planungen, die eine schnelle Handlungsfähigkeit möglich machen und ebenfalls Struktur geben, sind in Nepal in anderen Lebensbereichen schwer zu finden.  Für die westliche Denkweise kaum nachvollziehbar. In Europa ist alles über Tage, Monate, Jahre hinweg im Voraus geplant und strukturiert.  Mit plötzlichen Veränderungen umzugehen ist schwierig. So hat auch die Flüchtlingswelle Europa ohne große Vorwarnung überrollt.

In Nepal sind plötzliche Veränderungen und ständig wechselnde Bestimmungen an der Tagesordnung. Flexibilität, Kreativität und Improvisationstalent sind notwendig. An einem kleinen Beispiel aus dem Tourismus-Bereich möchten wir das gerne verdeutlichen:

Vor gut einer Woche haben wir eine Email von der NMA (Nepal Mountaineering Association) erhalten. Die NMA ist seit Jahrzehnten für die Ausstellung der Bergbesteigungs-Genehmigungen zuständig. Die Genehmigungen konnten bisher über ein Online-Antragsverfahren angefordert werden. In der Email wurden wir nun informiert, dass mit sofortiger Wirkung, die Zuständigkeit auf das Tourismus Ministerium übertragen wurde. Keine weiteren Informationen, ob der ursprüngliche Beantragungsprozess beibehalten wird oder neue Voraussetzungen zu erfüllen sind. Wohlgemerkt, wir befinden uns gerade mitten in der Hauptsaison.

 

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Tibet Himal Range

 

Doch wenn selbst Flexibilität, Kreativität und Improvisationstalent in gegebenen Situationen nicht mehr weiterhelfen, dann tritt ein Gefühl der Ohnmacht ein.

Auch wir fühlen uns etwas ohnmächtig in der derzeitigen Situation vor Ort. Wie bereits in unserem letzten Rundbrief erwähnt, löste die neue Verfassung Proteste und Unruhen im südlichen Terai aus. Die anfänglichen Vermittlungsversuche zwischen den dortigen Bewohnern und der nepalesischen Regierung seitens Indiens, mündete in eine Grenzblockade. Die Blockade macht nun schon seit mehr als einem Monat die Abhängigkeit Nepals deutlich. Selbst in so einer prekären Situation möchte Nepal die indische Regierung nicht vor den Kopf stoßen und Hilfeleistungen von den chinesischen Nachbarn annehmen.

Vor den Tankstellen sind nach wie vor lange Schlangen aus Autos, Motorrädern, Regierungsfahrzeugen und Bussen zu sehen. Die Ausgabe von Benzin und Diesel ist streng reglementiert. Vollgestopfte Busse, Menschen auf dem Dach sitzend, froh einen Platz ergattert zu haben um im Heimatdorf das Dashain Festival feiern zu können. Das sind die Bilder auf den Straßen in den vergangenen Tagen. Restaurants haben eingeschränkte Speisekarten. Koch-Gas ist rar geworden. Viele Familien kochen mit Briketts oder Feuerholz. Eigentlich unvorstellbar und doch wahr: gerade jetzt während den Festlichkeiten, bei denen das Essen ein Hauptbestandteil ist.

 

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Nationalgericht – Dal Bhat – Linsen mit Reis

 

Inlandsflüge können durch Kerosin-Importe der Nepal Airlines Corporation (NAC) aus Kalkutta durchgeführt werden. Der Verkauf von Kerosin an internationale Fluggesellschaften wurde eingestellt. Die ausländischen Airlines wurden gebeten genügend Treibstoff mitzuführen oder während Zwischenlandungen in anderen Ländern aufzutanken.

Es ist nicht die erste Wirtschaftsblockade – bereits in den Jahren 1989 und 1969 ließ  Indien die Grenzen schließen.

Nach außen erscheint es so, als ob es die nepalesische Regierung nicht interessiert, in welcher Lage das Land und die Menschen im Moment stecken. So ist der vor zwei Wochen gewählte Premier Minister KP Sharma Oli erst einmal damit beschäftigt sein neues Kabinett zusammenzustellen.

Bei Gesprächen mit Indien wurde der Ball an Nepal zurück gespielt. Zuerst sollen seitens Nepals die Unruhen im Terai gelöst und auf die Forderungen der Madhesis und Tharus eingegangen werden. Erst dann wäre die Sicherheit der passierenden Güterfahrzeuge gewährleistet und die Öffnung der Hauptgrenze in Rauxal-Birgunj, über die 70 % der Treibstoff Importe erfolgt, möglich. Lediglich durch die Öffnung der kleinen Grenzstationen können seit einer Woche wenige Tanklaster die ersehnten Treibstoffe in die Hauptstadt Kathmandu bringen.

Die Menschen nehmen die Situation hin, versuchen sich selbst zu organisieren oder erst mal alles während der Festivitäten zu vergessen.

 

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Straßenszene in Kathmandu

 
Auch in dieser Situation sind die Menschen Nepals auf sich gestellt. Genauso wie nach dem Erdbeben, hilft sich die Bevölkerung gegenseitig. Auch wir haben enorme Unterstützung seitens unserer lokalen Partnerorganisationen. Das Transportunternehmen, mit dem wir zusammenarbeiten, macht eine zuverlässige und pünktliche Durchführung des Transport-Services für unsere Gäste möglich.

Allerdings sind durch die „Treibstoff-Krise“ und den Regierungswechsel unser Bau-Genehmigungsprozess sowie erforderliche Material-Transporte für den Wiederaufbau ins Stocken geraten. Dennoch können wir  Erfreuliches seitens unserer „Sunaulo Erdbebenhilfe“ berichten:

Nach Fertigstellung des Bau-Dossiers unserer Schweizer Projektgruppe, die durch die Ingenieure ohne Grenzen Schweiz unterstützt wurde, konnten vor Ort in Brabal bereits Schulungen für die Dorfbewohner durchgeführt werden.

Lea und Regula erklärten den Dorfbewohnern was bei einer erdbebensichereren Bauweise zu beachten ist. Anhand eines Models aus Lego-Steinen konnte die Wichtigkeit der seismischen Bänder und der Eckverstärkungen, die für eine zusätzliche Stabilität der Häuser sorgen, anschaulich demonstriert werden.

 

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Lego im Himalaya

 
Unser nächstes Ziel ist es, den Genehmigungsprozess nach den Feiertagen fortzusetzen und so bald als möglich ein Musterhaus zu bauen. Dabei ist es manchmal nicht einfach, alle Standpunkte unter einen Hut zu bringen. Wir versuchen zwischen den exakten Vorstellungen unserer Projektgruppe, den internationalen Volontären und den Meinungen der Dorfbewohner zu vermitteln. Nur Verständnis, Toleranz, Akzeptanz, Gelassenheit, Lernbereitschaft und Geduld auf beiden Seiten lassen uns die interkulturellen Barrieren überwinden.

Die Liebe zum Land und den Menschen lässt uns trotz den Widrigkeiten weitermachen und gibt uns Kraft, die Motivation und das Engagement aufrecht zu erhalten. Herzlichen Dank für all die Unterstützung, die wir durch die Spenden, die Mithilfe vor Ort und durch das Vertrauen erfahren.

Wir freuen uns sehr, dass nun nach langer Zeit unsere Webseite www.sunaulosansar.org in neuem Layout online gegangen ist. Die Webseite ist in englischer und deutscher Sprache abrufbar. An dieser Stelle ein herzliches Dankeschön an Timo, der uns stets zuverlässig und schnell IT-technisch begleitet.

Abschließend möchten wir noch darauf hinweisen, dass wir regelmäßig aktuelle Fotos auf unsere Facebook Seite „Hilfe für die Erdbebenopfer im Langtang Tal, Nepal“
(www.facebook.com/helpforlangtang) einstellen. Wer den kleinen Facebook-Icon, der sich unten auf unserer Webseite befindet, anklickt, gelangt direkt zur Seite. Auch diejenigen, die kein Facebook-Konto haben können die Seite aufrufen und die Inhalte sehen und lesen. Wir haben alle Fotos und Berichte öffentlich eingestellt.

Namaste

Temba & Sabine

 

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Danke – Dhanyabad